Von der Finanzberatung zur familiären Kontinuität: Die sich wandelnde Rolle des Family Office

Andrea Cuomo 2026-10-19

Andrea Cuomo von Mora Capital Management in Zürich analysiert, wie sich das Family Office von einer Vermögensverwaltungsstruktur zu einer Infrastruktur entwickelt, die dem Fortbestand der Unternehmerfamilie dient.

Der Executive Vice President, UHNWI, von Mora Capital Management Zurich erläutert, dass ein Family Office häufig als Struktur verstanden wird, die zur Verwaltung des liquiden Familienvermögens eingerichtet wird und in der ein erfahrener Berater die professionelle Verwaltung der Finanzanlagen sicherstellt. Neuere Forschungsarbeiten von Wissenschaftlern wie Dennis Jaffe und John Davis zeigen jedoch, dass finanzielle Renditen zwar für das Wachstum einer Familie wesentlich sind, aber nicht den entscheidenden Faktor für ihren langfristigen Fortbestand darstellen.

Vom Familienunternehmen zum Family Office

Unternehmerfamilien schaffen Vermögen durch ihre Unternehmen und erhalten einen Teil ihres wirtschaftlichen Kapitals, indem sie in Immobilien und Finanzanlagen diversifizieren. Diese drei Anlageklassen bilden traditionell das quantitative Kapital einer Familie. Laut dem Autor ist in den vergangenen zwanzig Jahren das Interesse daran gewachsen, die Vermögensverwaltung von Unternehmerfamilien zu professionalisieren und entsprechendes Know-how in ihre Strukturen einzubringen, um mehr Kontrolle und Unabhängigkeit zu erreichen.

In diesem Zusammenhang arbeiten externe Fachleute und Familienmitglieder zusammen, um aus einem Nebenprodukt des unternehmerischen Erfolgs eine Struktur zu schaffen, die die Familie in Krisen, Übergangsphasen und Nachfolgestreitigkeiten unterstützen kann: das Family Office.

Vermögen ist mehr als eine quantitative Grösse

Wissenschaftler und Experten für Familienunternehmen erkennen zunehmend an, dass sich Vermögen nicht ausschliesslich quantitativ messen lässt. Es umfasst auch das Wissen einer Familie, die Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern, ihre Wahrnehmung innerhalb der Gemeinschaft und ihre Fähigkeit, wirksame Entscheidungen zu treffen.

Hughes beispielsweise vertritt ein umfassenderes Vermögensverständnis, bei dem Finanzkapital gemeinsam mit Humankapital, Sozialkapital und anderen Formen qualitativen Kapitals verwaltet wird. Daraus ergibt sich das Konzept des Total Family Wealth, ein Rahmen, der nicht nur das materielle Vermögen, sondern auch den familiären Zusammenhalt, die Talententwicklung und eine ganzheitliche Governance berücksichtigt. Aus dieser Perspektive wird wirtschaftliches Kapital nicht allein aufgebaut, um das Vermögen der Familie zu vergrössern, sondern auch, um die Entwicklung und den Erhalt dieser anderen Kapitalformen zu unterstützen.

Diese Ideen stiessen zunächst auf Skepsis, insbesondere bei Finanzfachleuten. Mit zunehmender wissenschaftlicher Evidenz wuchs jedoch auch das Interesse daran, sie in die Praxis umzusetzen. Viele Familien haben die Verwaltung ihres Finanzkapitals bereits mithilfe eines Family Office professionalisiert. Nun zeichnet sich eine weitere Entwicklung hin zu Family Offices ab, die auch auf die umfassenderen Bedürfnisse der Familie eingehen.

Ein neuer Zweck für das Family Office

Einige Family Offices erweitern ihre Aufgaben um Bildungsangebote, Berufserfahrungen für die nächste Generation und Coaching. Gleichzeitig fördern sie den familiären Zusammenhalt durch Familientreffen, gemeinsame Projekte und philanthropische Initiativen. Für Cuomo sollte es nicht allein darum gehen, das Vermögen für die nächste Generation zu erhalten. Vielmehr sollte ein Family Office die Fähigkeit der Familie bewahren, dieses Vermögen über Generationen hinweg zu verwalten.

Governance als zentraler Baustein

Um dies zu erreichen, ist die Governance des Family Office von entscheidender Bedeutung. Klare Strukturen, Prozesse, Rollen und Verantwortlichkeiten sind erforderlich, um sowohl quantitative als auch qualitative Vermögenswerte wirksam zu verwalten. Vazquez bezeichnet die Schaffung solcher Governance-Mechanismen als Institutional Capital. Die Governance von Investitionen, Bildungskomitees und Philanthropieräte werden zunehmend zu Bestandteilen der institutionellen Infrastruktur von Unternehmerfamilien.

Dieser Wandel erfordert auch eine Weiterentwicklung der Kompetenzen von Family Offices und ihren Mitarbeitenden, deren Tätigkeit traditionell auf das Finanzvermögen ausgerichtet war. Fachleute aus dem Finanzsektor und der Unternehmensberatung bleiben wichtig. Familien benötigen jedoch zunehmend erfahrene Führungskräfte, die über ihr ursprüngliches Fachgebiet hinausblicken und die verschiedenen Aktivitäten koordinieren können, die zur Entwicklung und Bewahrung des umfassenderen Familienkapitals erforderlich sind.

Was ermöglicht einer Familie, dauerhaft Bestand zu haben?

Auch wenn dieser Ansatz anspruchsvoll erscheinen mag, lässt er sich anhand eines praktischen und strukturierten Rahmens umsetzen. Familien, die vereint die vierte Generation erreichen und gleichzeitig ihr wirtschaftliches Kapital weiter ausbauen, weisen mehrere gemeinsame Merkmale auf. Dies stellt die verbreitete Annahme infrage, dass Unternehmerfamilien selten über die dritte Generation hinaus bestehen, und lenkt die Diskussion auf eine konstruktivere Frage: Was ermöglicht es Familien, ihren Erfolg über Generationen hinweg zu bewahren?

Der Familienzweck, das Humankapital, der familiäre Zusammenhalt und die Governance werden zunehmend als entscheidende Faktoren für Kontinuität anerkannt. Ein Family Office, das auf diesen sozioemotionalen Prioritäten aufbaut, kann weit mehr sein als eine Struktur zur Verwaltung von Anlagevermögen: Es kann sich zu einer institutionellen Infrastruktur für den Fortbestand der Familie entwickeln, in der das wirtschaftliche Vermögen der Entwicklung des qualitativen Familienkapitals dient.

Eine Chance für die Finanzbranche

Die Finanzbranche sollte diesem Wandel laut dem Autor besondere Aufmerksamkeit schenken. Für Familien mit sehr hohem Vermögen können traditionelle Vermögensverwaltungsdienstleistungen zunehmend als austauschbare Standardleistungen wahrgenommen werden, was die Margen unter Druck setzt. Dadurch entsteht die Möglichkeit, sich durch ein differenziertes Leistungsangebot abzuheben, das auf die umfassenderen Bedürfnisse der Familie zugeschnitten ist, anstatt sich ausschliesslich auf die Vermögensverwaltung zu konzentrieren.

Wie Cuomo abschliessend betont, sollte sich der Zweck eines Family Office nicht darauf beschränken, die Vermögenswerte einer erfolgreichen Familie zu verwalten. Seine grösste Herausforderung und vielleicht auch sein grösster Mehrwert besteht darin, der Familie dabei zu helfen, weiterhin erfolgreich und geeint zu bleiben und sich auf die kommenden Generationen vorzubereiten.

Über den Autor

Andrea Cuomo, Ph.D., ist Executive Vice President, UHNWI, bei Mora Capital Management Zurich und ein anerkannter Experte an der Schnittstelle von Behavioral Finance, Investment Governance und Vermögensstrategie für Unternehmerfamilien. Seine Laufbahn verbindet praktische Erfahrung in der Beratung vermögender Familien mit fundierter wissenschaftlicher Forschung.

Er ist Visiting Professor für Behavioral Finance und Investment Governance an der ESE Business School (Chile) sowie für Family-Office-Governance an der IADA Business School (Mexiko). Gemeinsam mit Professor Vázquez von der IAE Business School ist er Autor des Werks Investments and Entrepreneurial Families. Für seine Arbeit Capital, Power and Governance in Business Families wurde er für den IFERA 2026 Best Paper Award nominiert.

Sein Ansatz verbindet fundierte Theorie mit der Lebenswirklichkeit der von ihm beratenen Familien und macht aus Zahlen Geschichten über Kontinuität und Sinn.

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Von der Vermögensverwaltung zur familiären Kontinuität: Die sich wandelnde Rolle des Family Office

Rechtlicher Hinweis
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